Foto: Regina Jacobi

Gelassenheitstraining für Menschen

Einmal mehr waren es die Pferde, die mich dazu brachten, mir einen Begriff aus der Pferdewelt genauer anzuschauen. »Gelassenheitstraining«. Meistens versteht man darunter im Zusammenhang mit Pferden das »Desensibilisieren« der Pferde vor möglichen unerwarteten oder geplanten Reizen.

Hält man sich nun vor Augen, dass die Sensibilität – also die feine Wahrnehmung aller Reize – dem Pferd in der Natur hilft zu Überleben, ist es für mich fraglich, ob das wirklich funktioniert, ohne dass das Pferd innerlich ein Stück weit abschaltet. Einmal ganz abgesehen davon, ob ich meinem Pferd die feine Wahrnehmung abtrainieren möchte. Denn nur so erreicht man ja den erwünschten Effekt: das Pferd soll seinem Besitzer oder dem, der es führt oder reitet, die Entscheidung überlassen, welcher Reiz gefährlich ist und welcher nicht. Denn Pferde sind ja Fluchttiere, d.h. sie warten nur darauf, dass irgendetwas sie fressen könnte. Wirklich? Für wie dumm hält der Mensch das Pferd eigentlich? Pferde sehen nicht überall Gefahren. Sie reagieren nur anders als Menschen auf Neues und Unbekanntes. Aber für die meisten Menschen ist Neues und Unbekanntes eine Gefahr.

Unbequem für uns Menschen an dem Ganzen ist auch, dass die Sinne der Pferde deutlich feiner sind, als die der meisten Menschen. Wie gesagt: sie helfen dem Pferd (eigentlich) beim Überleben. D.h., dass sie uns, was das Aufnehmen von feinen Reizen und leisen bis lauten nonverbalen Botschaften, Gefühlen und auch Körperreaktionen anderer Lebewesen betrifft, weit voraus sind.

Das Ziel von Desensibilisierung und Kontrolle ist, zumindest beobachte ich es so, dass der Mensch sich mit seinem Pferd sicher fühlen kann. Schließlich hat es gelernt, dass es fremde und unerwartete Dinge aushalten muss, weil sie aus Menschensicht nicht gefährlich sind. Es muss also nicht fliehen, sich nicht fürchten. Der Mensch sagt und zeigt es dir doch ... und das Pferd soll es glauben. So weit, so gut. Oder nicht?

Im Pferd muss das eine ziemlich schwierige innere Situation hervorrufen. Es erfordert nämlich, dass es pferdisch »problematische« Situationen aus menschlicher Sicht heraus bewertet. Bzw. das Bewerten völlig an seinen Menschen abgibt. Der Mensch führt, das Pferd macht, denn das Pferd lebt ja in einer Welt, die vom Menschen und seinen Lebensbedingungen geprägt ist.

Mein Dilemma ist, ich brauche sensible Pferde, die ihre feine Wahrnehmung der Welt und des Lebens nutzen und ausprägen, damit sie mit Menschen arbeiten können. Das ist das eine. Das andere ist: ich möchte meinen Pferden nicht einen Teil ihrer Natur abtrainieren. Ich liebe sie dafür, dass sie Pferde sind und nichts Anderes.

Wie kann ich mich also mehr auf die Natur der Pferde einlassen und trotzdem die Gelassenheit entwickeln, die sie brauchen, um mir folgen und vertrauen zu können – in der menschlich geprägten Welt, in der wir leben? Ich muss gelassener werden und mit ihren Reaktionen umgehen, ohne sie abstellen zu wollen. Geht das?

Der Anfang von allem ist Beziehung. Beziehung, die wächst, die nicht gelernt oder trainiert ist, die nicht von Ritualen abhängt. Wir machen uns miteinander vertraut, indem wir zusammen sind. Zeit miteinander verbringen. Den anderen beobachten und von ihm beobachtet werden. Dabei wie ich mit anderen Pferden umgehe. Und mit anderen Menschen. Und am Ende sogar mit mir selbst.

Dieses Beobachten muss ohne Bewertung (sollte doch aber so oder so sein, hat doch der Horsemanship-Trainer XY gesagt) und ohne Erwartungs-
haltung geschehen (mein Pferd muss immer das und das tun, sonst kann ich nicht mit ihm umgehen – verdeckte Angst vor Kontrollverlust, eigene Hilflosigkeit). Denn das Pferd nimmt einfach wahr, was ist. Nicht was sein soll.

Nicht, dass ich all die alten Glaubenssätze, die man in einem Pferde–
menschen-Leben so gelernt hat, einfach so weglassen könnte. Aber mittlerweile gibt es einen Punkt, an den ich immer wieder zurückkomme, wenn wir uns mal wieder im Dschungel unserer alten Muster und des Unbewussten verirrt haben: meine Pferde sollen darauf vertrauen können, dass ich bereit bin, ihnen immer wieder neu zuzuhören. Und ich meine: immer.

Wie kann man Pferden zuhören, wenn sie nicht sprechen?

1. Man kann Pferden nur zuhören, wenn man sich auf seine eigene tierische Natur einlässt. Es gibt keinen anderen Weg. Wir Menschen müssen uns als Menschen-Tiere begreifen. Und schätzen lernen, welche tierischen Fähigkeiten wir haben.

2. Man kann Pferden nur zuhören, wenn man bereit ist seine eigenen nonverbalen Signale zu reflektieren und darin Inhalte zu entdecken, die der Verstand für Unsinn hält. Wir müssen dem Denken ein Stoppschild verpassen. Und Intuition und eigenes instinktives Verhalten zulassen. (Und mit instinktiv meine ich, natürlich instinktiv, nicht affekthaftes Verhalten, das aus dem eigenen Schatten stammt.)

3. Man kann Pferden nur zuhören, wenn man bereit ist, im Zweifel seine eigenen verdrängten und ungelebten Eigenschaften und alten Geschichten anzuschauen, also, Schattenarbeit zu machen. So unbequem das sein mag. Sonst begegnet man in dem, was das Pferd sagt, einfach nur sich selbst, statt dem Pferd.

4. Man kann Pferden nur zuhören, wenn man begreift, dass das Leben viel größer, komplexer und zugleich wundervoller und einfacher ist, als alles, das der Mensch in seinem Hirn denken kann.

5. Man kann Pferden nur zuhören, wenn man bereit ist Pferdeherden zu beobachten und alles zu vergessen, was man glaubt, über Pferde zu wissen. Man muss immer wieder neu die Augen öffnen, und lernen wie klein der menschliche Verstand ist und bereit sein sich zu wundern und Wunder für möglich zu halten.

Gelassenheit mit dem Pferd – also die Ruhe, Geduld und Sicherheit, die ich fühle, egal  – was das Leben uns im Kleinen und Großen bringen mag – ergibt sich, wenn ich mir selbst vertraue: meinen Wahrnehmungen, meiner Intuition, meinen Instinkten, meinen Körpereaktionen und das Pferd sich darauf verlassen kann, dass ich ihm zuhöre, seinem Verhalten, seinen Blicken, seinem Körper und – ihm erlaube, es selbst zu sein. Ohne Angst, dass ich es dann nicht mehr kontrollieren kann. Und es in seiner Welt mit seinen Gefühlen allein gelassen wird. Weil der Mensch erwartet, dass es sich wie ein analysierender Mensch verhält oder durch Konditionierung aus erlernter Hilflosigkeit heraus nicht mehr natürlich handelt.

Darum glaube ich, es braucht Gelassenheitstraining für Menschen. Das auch im Umgang mit Menschen ziemlich hilfreich sein kann.

Wer mehr darüber wissen oder das Gelassenheitstraining buchen möchte, wendet sich bitte direkt an mich:


 

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